Forschungsfeld 1: Begriffe und Taxonomien
Leitung: Prof. Dr. Raji C. Steineck (Sprecher), Dr. Ralph Weber
Mitwirkende Fachvertretende: Prof. Dr. Wolfgang Behr, Prof. em. Dr. Robert Gassmann, Prof. Dr. Angelika Malinar, Prof. Dr. Ulrich Rudolph, Prof. Dr. Konrad Schmid, Prof. em. Dr. Peter Schreiner, Prof. Dr. Christoph Uehlinger

Im Rahmen von koordinierten Forschungen widmen wir uns den Begriffsfeldern Philosophie, Religion und Recht – Gesetz – Ordnung . Dabei sollen sowohl die Begriffsfelder definierende Termini wie „Philosophie“ oder „Religion“, als auch thematisch zugehörige, aber taxonomisch anders gelagerte Terminisowie mögliche Definienda der untersuchten Begriffe, wie etwa der Begriff des Überzeugens systematisch erforscht werden. Schliesslich darf dabei die begleitende methodologische und theoretische Reflektion nicht fehlen, sodass auch etwa nach dem Begriff des „Begriffs“ oder dem Begriff der „Taxonomie“ zwischen Asien und Europa gefragt werden muss. Dies erfolgt in Form von fokussierten Forschungsarbeiten zu einzelnen Aspekten, sowie im Rahmen einer Serie von Gastvorträgen, Workshops und Konferenzen, deren Ergebnisse in mehrere Publikationen münden.
1.1. Philosophie
1.2. Religion
1.3. Recht - Gesetz - Ordnung
1.4. Vergleichende Begriffsforschung
1.1. Philosophie
Verantwortliche: Prof. Dr. Ulrich Rudolph, Prof. Dr. Raji C. Steineck
Mitwirkende Fachvertretende und Oberassistierende: Prof. em. Dr. Robert Gassmann, Prof. em. Dr. Peter Schreiner, Prof. Dr. Angelika Malinar, Dr. Ralph Weber
Doktorierende und Postdocs: Dr. des. Ralf Müller, Dr. James Weaver
Kooperationen: Prof. Dr. Heidrun Eichner (Islamwissenschaft, Universität Tübingen), Prof. Dr. Anke von Kügelgen (Islamwissenschaft, Universität Bern), Prof. Dr. Hiroshi Abe (Philosophie, Kyoto-Universität, Japan)
Hier soll die Frage „Was ist Philosophie?“, die bislang meist im Rahmen der europäischen Tradition und im Hinblick auf Gegenstände und Methode verhandelt wurde, auf die islamische Welt, Indien, China und Japan ausgedehnt und mit Untersuchungen zur taxonomischen Funktion der verschiedenen Terme für Philosophie verbunden werden. Dabei werden diverse Denktraditionen in den Blick kommen, deren Selbstverständnis, sprachliche Bezeichnung (aus eigener wie aus fremder Perspektive), historische Entwicklung und Verortung in kulturellen, sozialen und institutionellen Kontexten jeweils zu untersuchen sind. Der Zusammenhang zum ebenfalls untersuchten Begriff der „Religion“ wird stets mit reflektiert.
Ziel der Analyse ist einerseits, philosophierende Traditionen zu identifizieren und in ihrem Verhältnis zueinander und zu einem präsupponierten Philosophiebegriff und dessen normativen Implikationen zu bestimmen. Andererseits soll dieser Begriff neu diskutiert und die Bedingungen erörtert werden, unter denen er bei weiteren Untersuchungen fruchtbar sein kann.
Forschungsprojekte:
- Dr. des. Ralf Müller (Japanologie), Zen und japanische Philosophie: Die Bedeutung Dōgens für die Kyōto-Schule
- Dr. Ralph Weber (Philosophie), 1. Die chinesische Moderne schreiben – Studien in gegenwärtiger politischer Philosophie, 2. Tertium comparationis? Vergleichende Philosophie und eine Philosophie des Vergleichs
- Dr. James Weaver (Islamwissenschaft), Organising Disagreement in the Long Ninth Century: On the Use of the Term ‘iḫtilāf’ in the ʿAbbāsid Period
1.2. Religion
Verantwortlich: Prof. Dr. Raji C. Steineck, Prof. Dr. Christoph Uehlinger
Mitwirkende Fachvertretende: Prof. em. Dr. Robert Gassmann, Prof. Dr. Angelika Malinar, Prof. Dr. Ulrich Rudolph, Prof. em. Dr. Peter Schreiner
Doktorierende und Postdocs: Dr. des. Paulus Kaufmann, lic. phil. Sarah Vandenreydt
Kooperationen: Prof. Dr. Jens Schlieter (Religionswissenschaft, Universität Bern)
Der Begriff „Religion“, schon in der römischen Antike hinsichtlich Etymologie und Semantik kontrovers verhandelt, hat im Laufe der Geschichte vielfältige Karrieren durchlaufen, wobei für die europäische Diskussion bis heute die Spannung zwischen positiver Selbstreferenz (vera religio vs. idolatria) und neutraler Klassifikation (Religion, Religionen) charakteristisch ist. Hängt die progressive Ausweitung des Begriffs eng mit der europäischen Kolonialgeschichte zusammen, so hat seine Universalisierung und Neutralisierung im Zuge der Aufklärung auch direkt zur Ausbildung einer eigenen Disziplin „Religionswissenschaft“ beigetragen. Ob die begriffliche Aussonderung eines spezifischen Bereichs gesellschaftlicher Kommunikation als „Religion“ ein exklusives Merkmal der europäischen Geistesgeschichte ist, oder ob nicht gerade in asiatischen Gesellschaften vergleichbare terminologische Ausdifferenzierungen beobachtet werden können, ist umstritten und bedarf ebenso der Klärung wie die Frage nach möglichen Zusammenhängen zwischen begrifflichen Taxonomien einerseits, soziokulturellen und institutionellen Differenzierungen andererseits.
Europäische und asiatische Taxonomien und Semantiken werden in vergleichender und diachron historischer Perspektive erforscht; dabei wird besonders die Frage der gegenseitigen Verflechtung verschiedener religiös-kultureller Traditionen und ihrer Begriffssystematiken erörtert. In diesem Zusammenhang wird auch die Frage untersucht, inwieweit die in europäischen Diskursen massgebliche Unterscheidung zwischen „Religion“ und „Philosophie“ für asiatische Traditionen relevant ist.
Forschungsprojekte:
- Dr. des. Paulus Kaufmann (Japanologie), Rhetorik des japanischen Buddhismus
- Sarah Vandenreydt, lic. phil. (Religionswissenschaft), Buddhismus zwischen Philosophie und Religion 1875-1900: Diskurse und soziale Strömungen in England, nachgewiesen in den Texten von F.M. Müller, H.P. Blavatsky und A.P. Sinett
1.3. Recht - Gesetz - Ordnung
Verantwortlich: Prof. Dr. Konrad Schmid
Mitwirkende: Prof. Dr. Wolfgang Behr, Prof. Dr. Angelika Malinar, Prof. Dr. Raji C. Steineck, Prof. Dr. Christoph Uehlinger
Doktorierende und Postdocs: Phillip Lasater, M.A.
Recht und Gesetz sind als gesellschaftliche Regulative in der einen oder anderen Form in nahezu allen Kulturen Asiens und Europas präsent. Historisch gesehen betreffen sie, anders als neuzeitliche Verstehensbedingungen dies vielleicht nahelegen könnten, keineswegs nur gesellschaftspolitische Ausschnitte des jeweiligen Wirklichkeitsverständnisses dieser Kulturen. Vielmehr sind Recht und Gesetz, der Vorstellung und dem Begriff bzw. den jeweiligen Begriffsentsprechungen nach, mitunter sehr viel umfassender gedacht und können auch auf Phänomene des Kosmos, der Natur usw. angewandt werden, was nicht zuletzt in der Vorstellung von "Naturgesetzen" eine Resonanz bis in die Neuzeit hat.
- Phillip Lasater, M.A. (Theologie), The Facets of Fear: Models of Piety in the Hebrew Bible and the Ancient Near East.
- Prof. Dr. Konrad Schmid (Theologie), Prof Dr. Christoph Uehlinger (Religionswissenschaft): Symposium: "Laws of Heaven – Laws of Nature: The Legal Interpretation of Cosmic Phenomena in the Ancient World.", University of Zurich, Switzerland, September 5-6, 2011. Veröffentlichung der Ergebnisse geplant für 2012.
1.4. Vergleichende Begriffsforschung
Verantwortlich: Dr. Ralph Weber
Mitwirkende Fachvertretende: Prof. Dr. Wolfgang Behr, Prof. em. Dr. Robert H. Gassmann
Doktorierende und Postdocs: Philipp Hetmanczyk, M.A., Dr. Lisa Indraccolo, Dr. Viatcheslav Vetrov
Kooperationen: Prof. Dr. Hans-Johann Glock (Philosophie, Universität Zürich); Prof. Dr. Christoph Harbsmeier (Sinologie, Universität Oslo); Prof. Dr. Joachim Kurtz (Cluster Asia and Europe, Universität Heidelberg), Prof. R.P.E. Sybesma (Leiden University Centre for Linguistics & Sinological Institute, University of Leiden), Prof. C.T.J. Huang (Linguistics Department, Harvard), Prof. Zev Handel (Department of East Asian Languages and Civilizations, University of Washington, Seattle), Prof. Gu Yueguo (CASS, Peking).
Die Erforschung von Begriffen im Spannungsfeld zwischen Asien und Europa bringt eine Reihe von Fragen in philosophischer wie forschungspragmatischer Hinsicht mit sich, derer sich diese Forschungsgruppe annimmt. So gilt es etwa nach dem Begriff des Begriffs zu fragen, um Vorverständnisse bezüglich der vergleichenden Erforschung von Begriffen als solche überhaupt zu erkennen und um die Möglichkeiten einer Erweiterung oder Schärfung des angesetzten Begriffs anhand der Beschäftigung mit asiatischen Sprachen und Texten kritisch zu verfolgen. Daraus sollen besonders Erkenntnisse zum Verhältnis von Begriff zu Sprache und zu Historizität von Begriffen gewonnen werden. Angestrebt wird demnach eine fruchtbare Verbindung philosophischer Begriffsanalyse (conceptual analysis) mit den verschiedenen Philologien Asiens. In forschungspragmatischer Hinsicht lässt sich etwa fragen, welche Begriffe sich für komparative Untersuchungen besonders eignen. Wäre es beispielsweise vielversprechend, Untersuchungen zu Begriffen wie Religion, Natur, Selbst, etc. vermehrt mit solchen zu taxonomisch auf anderer Ebene verorteten Begriffen wie Waschen, Geschenk, Text, etc. zu ergänzen? Was würde man sich von einer solchen taxonomischen Verschiebung des Blicks versprechen? Desweiteren gilt es ebenso, den Begriff des Vergleichs zu thematisieren, aber auch die Tätigkeit und Möglichkeiten des Vergleichens aus verschiedenen Perspektiven zu reflektieren. Wie sind dem Vergleich verwandte Begriffe wie Analogie und Ähnlichkeit philosophisch zu fassen? Was lässt sich zum Beispiel aus den Texten der Nyāya-Schule in Indien in komparatistischer Hinsicht gewinnen? Ist etwa der Vergleich zwischen menschlicher Natur und einem Wasserwirbel im Mengzi (Mencius 6A:2) als Beispiel oder Analogie in rhetorisch-pragmatischer Absicht oder als Ausdruck eines insgesamt korrelativen Denkens zu verstehen?
Die Forschungsgruppe zur vergleichenden Begriffsforschung ist mit den anderen Forschungsgruppen im Forschungsfeld „Begriffe und Taxonomien“ eng verzahnt. Bei ihr steht jedoch nicht ein Begriff oder ein Begriffsfeld besonders im Vordergrund, sondern die übergelagerte Fragestellung nach den Methoden, dem Nutzen, aber auch nach den Grenzen vergleichender Begriffsforschung.
Forschungsprojekte
- Thomas Hüllein, M.A. (Japanologie), Die normative Wirkung des Gesundheitsbegriffes auf bioethische Fachdiskussionen und Gesetzesinitiativen in Japan: Von der Revision des Eugenik-Schutzgesetzes (1995) bis zur Verabschiedung des Gesundheitsförderungsgesetzes (2002)
- Philipp Hetmanczyk, M.A. (Religionswissenschaft), Begräbnispraxis in China zwischen "Wirtschaftsrationalität" und "Verschwendung" - eine Untersuchung zur Rolle ökonomischer Klassifikationen innerhalb einer modernen Konzeption von Religion.
- Dr. Lisa Indraccolo (Sinologie), Debate Arena: Argumentation and Persuasion in Warring States Philosophical Discourse
- Dr. Ralph Weber (Philosophie), Tertium comparationis? Comparative Philosophy and the Philosophy of Comparison
- Viatcheslav Vetrov (Sinologie), Reinkarnierte Begrifflichkeit: das andere Leben der westlichen Philosophie im Werk Hu Shis 胡適 (1891-1962) und Qian Zhongshus 錢鍾書 (1910-1998)
