Die Grenzen von Skepsis und Vertrauen: Die Bewertung einer Heilkunde am Beispiel der Chinesischen Medizin

Prof. Dr. Paul Unschuld (Horst-Görtz-Stiftungsinstitut, Charité-Universitätsmedizin Berlin)

Gastvortrag, 3. Oktober 2013, 18:30–20:00

Kooperation

Skeptiker Schweiz und UFSP Asien und Europa

Ort

Hörsaal HAH E-11, Häldeliweg 2, 8044 Zürich

Beschreibung

Jahrtausendelang haben die Menschen sich bemüht, eine immer wirksamere Heilkunde zu erschaffen, um den Wunsch der meisten zu erfüllen, ein langes und möglichst gesundes Leben führen zu können. In Europa entstand seit dem 5. Jh. v. Chr. eine ganz neue Art der Heilkunde, die wir «Medizin» nennen. Es war der Versuch, Kranksein und Gesundheit allein auf der Grundlage von Naturgesetzen zu erklären, die unabhängig von Zeit, Raum und Personen (irdische und überirdische) wirken. Ein solcher Gegenentwurf zu dem bis heute lebendigen Glauben an die Existenz von Göttern, Geistern und Ahnen entstand auch in China beginnend mit dem 2. Jh. v. Chr.

Diese «Chinesische Medizin» war in ihrer Vorstellung vom Aufbau des Organismus und der Eigenart von Kranksein und Gesundheit eng mit den politischen Realitäten der chinesischen Antike und der Sozialphilosophie eines Teils der seinerzeitigen chinesischen Intellektuellen verknüpft. Heute wird die so genannten Traditionelle Chinesische Medizin in westlichen Industrienationen als legitime Fortsetzung jener antiken Heilkunde praktiziert, obschon sie sich sehr weit von den chinesischen Ursprüngen entfernt hat.

Zwei zentrale gesundheitspolitische Fragen lauten daher: Wie soll man mit einer Heilkunde umgehen, die das Vertrauen vieler Menschen gefunden hat, obschon sie zum einen wissenschaftlich nicht legitimierbar ist und zum anderen auf Grund einer kreativen Rezeption auch nur noch sehr begrenzt beanspruchen kann, in der Tradition der chinesischen Medizin zu stehen. Kann man fordern, dass Menschen angesichts existentieller Bedrohung durch Kranksein, Behinderung oder gar der Möglichkeit frühen Todes «rational» handeln, oder müssen wir anerkennen, dass auch die Emotionalität in solchen Situationen das Verhalten lenkt?