Induzierte Besessenheit in den Vidyāpīṭha-Tantras und in den westlichen Transkreationen des Tantrismus: Die Übersetzung eines Puzzles gestaltwandelnder Kategorien

Verantwortlich für das Postdoc-Projekt: Dr. Olga Serbaeva
Finanzierung: UFSP Asien und Europa
Projektdauer: März 2007 – Juni 2010
Forschungsfeld: Begriffe und Taxonomien

The first folio from the manuscript of Jayadrathayâmala, Shatka 4, NAK 1/1468, NGMPP B122/4, paper, Newari script. The first chapter lists the mudrâs, here meaning a complex of particular positions of body and mental concentration, supposed to result in modified states of consciousness

Abstract

Diese Arbeit war ursprünglich als Suche nach den Quellen geplant, die es einigen ausgewählten, zeitgenössischen Autoren (Svoboda, Bhairavan, Odier und Schülern von Swami Lakshman Joo) erlaubten, ein neues Verständnis der tantrischen Texte und Traditionen vorzuschlagen, das sich an veränderten Bewusstseinszuständen („altered states of consciousness“ – ASC) orientiert. Im Verlauf der Forschung erweiterte sich indes ihr Gegenstand zur Geschichte der Begegnung des Westens mit dem Tantra.

Die ASC-bezügliche Perspektive (Teil 1) hat viele sich hartnäckig haltende Missverständnisse ausgeräumt, so etwa die Vorstellungen, dass die Tantras im Zeitraum der Begegnung durchwegs überwiegend mit Sexualität identifiziert oder die Sanskrit-Texte nur im akademischen Kontext gelesen und übersetzt worden wären. Die Analyse der Strategien der Übersetzung ASC-bezüglicher tantrischer Termini und Konzepte hat klar herausgestellt, dass die Grenze zwischen den akademischen und nicht-akademischen Verfahren für die Periode vom Ende des 19. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts kaum wahrnehmbar ist.Tatsächlich finden sich die frühesten Transkreationen von Termini wie āveśa und das Verständnis von avatāra als 'jemand' der den Eintritt eines von aussen kommenden, lenkenden Prinzips in seinen/ihren Körper erfährt, gerade innerhalb der nicht-akademischen Vorstösse in das Feld des Tantrismus.

An das farbige Kaleidoskop westlicher Transkreationen schliesst sich in Teil 2 die historische Analyse der ASC-bezüglichen tantrischen Konzepte an (Vidyāpīṭha-Texte, mit besonderem Schwerpunkt auf dem Jayadrathayāmala). Die Analyse hat gezeigt, dass die in diesen Texten beschriebenen ASC-bezüglichen Praktiken manchmal keine rituelle Realität oder persönliche Erfahrung widerspiegeln, sondern eher ein Produkt der Textentwicklung sind. Der abschliessende Teil behandelt die schwierigsten theoretischen Fragestellungen, so etwa das Problem des Verstehens und der Übersetzung ASC-bezüglicher tantrischer Konzepte hinsichtlich „persönlicher religiöser Erfahrung“, „Esoterik“, „kulturspezifischer vs. universeller Taxonomien“ usw., und kommt auf die Frage nach einer neuen Grenzziehung zwischen den akademischen und nicht-akademischen Zugängen zurück.

Ausführliche Projektbeschreibung (PDF, 156 KB)